Interaktive Seminare virtuell ausrichten

Interaktive Seminare virtuell ausrichten: Was geht, wieviel davon und wie?

Dieser ausführliche Artikel beschreibt, wie wir alteingesessene Executive Education Experten unser erstes Online-Workshop-Seminar gaben und dabei gegen unsere initiale Skepsis eines Besseren belehrt wurden. Nichts davon, was hier folgt, ist per se bahnbrechend, aber vieles davon ist in seiner Einfachheit bestechend und weit mehr als nur eine derzeit notgedrungene Alternative.

Von der Not zur Tugend

Physical Distancing und Lockdown sei Dank durften viele von uns in den letzten Monaten ausprobieren, wie weit unsere Bereitschaft geht, unser soziales Leben ins Worldwide Web zu verlegen. Viele von uns verbesserten unseren natürlichen Umgang mit den digitalen Möglichkeiten und zapften dabei uns bisher unbekannte Quellen unendlicher Geduld an – mit uns, der Technik und unserem Gegenüber („könnt ihr mich JETZT hören?“). Was aus der Not begann wird langsam zur Tugend und die nun erprobten Möglichkeiten des virtuellen Miteinanders haben vielerorts den Status billige-Kopie-der-Realität hinter sich gelassen und sich als sehr hilfreiche Ergänzung etabliert, die wir künftig nicht mehr vermissen möchten.

Umsetzung: Wie kriegen wir die Magie eines Seminar-Workshops ins Internet?

Als Anbieter von Executive Education im Bereich Leadership, die stark auf zwischenmenschliche Interaktion und Persönlichkeitsaspekten beruht, kam Online für uns bisher partout-überhaupt-gar-nicht-nie in Frage. Bis es schließlich leider das einzige war, was plötzlich noch in Frage kam. Daher widmeten wir uns der Frage, wie wir denn nun unsere Seminare – und viel mehr noch: die Magie unserer Seminare – ins Internet übertragen können. Dabei drehten wir unsere Eingangsfrage um, weg von der „Magie“ hin zu: Was ist eigentlich bei der bisherigen (offline) Durchführung unserer Seminare nicht so zielführend? Und wie würde man das im Netz anders abbilden? – Erst fiel uns nicht viel ein, aber dann wurde die Liste immer länger: angefangen bei der Tatsache, dass die typischen hochintensiven und vollgepackten drei-Tages-Seminare keinerlei Rücksicht auf individuelle Lernrhythmen der Teilnehmer nehmen können und die daraus (sicher oft unfreiwillig) resultierende Konsumhaltung der Teilnehmer in Seminaren; über die Krux mit unterschiedlich komplizierten Anreisen der Teilnehmer und den damit verbundenen oft stressigen Abwesenheiten von zuhause; bis hin zur Bubble, die sich oft um Seminarsettings unsere ihre Teilnehmergemeinschaft bilden und die dann den Transfer des Erlernten in den Alltag der Teilnehmer oft erschwert oder gar unmöglich macht… und einiges mehr. Kann man das online anders handhaben? 

Einladung: Human-Centeredness noch expliziter machen

Mit dem veränderten Fokus und größtmöglicher Neugier machten wir uns schließlich an die Konzeption des anstehenden Führungskräfte-Seminars „Female Leadership“ und luden mit einem für uns eher ungewöhnlich experimentellen Text dazu ein. Mit dieser Einladung sollte möglichst die „Ich lass mich mal darauf ein“- Seite bei potentiellen Teilnehmerinnen angesprochen werden, so dass unsere Teilnehmerinnen sich als beitragender Teil des Seminars verstehen würden. Offensichtlich lagen wir damit richtig, denn statt der geplanten zwölf Führungskräfte hatten wir innerhalb von drei Wochen 24 Anmeldungen. Wo wir normalerweise hektisch einen Riegel vorschieben würden, konnten wir uns Online auf eine viel entspanntere Handhabung der Teilnehmerzahlen einlassen.

Der alternative Ablauf – dank Ortsunabhängigkeit

Das Seminar sollte aus ungefähr 15 aktiven Stunden bestehen, die wir – frei von räumlichen Gebundenheiten – wie folgt aufteilten.

  • Erstens: Wir starteten eine Woche vor dem eigentlichen Online-Präsenzteil des Workshops mit einem 90minütigen Kickoff-Viceo-Call. Diesen nutzen wir für eine kurze Kennenlernrunde der Teilnehmerinnen, als Einstieg ins Thema, als Einführung die genutzte Technologie und als Vorstellung des nun folgenden Selbststudiums. Erstes Zwischenfazit: Uns begegnete bereits in diesen 90minuten ein unerwartet hohes Level an Energie und Selbstmotivation bei den Teilnehmerinnen. 
  • Zweitens: Nun folgte das Selbststudium. Das umfasste ungefähr 5 Stunden und wurde über 5 Tage verteilt in Eigenregie von den Teilnehmern absolviert. Dafür stellten wir sehr unterschiedliche Fach- und Sachtexte, kurzweilige Videos (TED Talks for the win!) und Übungen zur Selbstreflektion zusammen, die wir „normalerweise“ im Seminar selbst vermitteln. Die Chatfunktion der Plattform lief bereits in den Tagen des Selbststudiums warm, wo es schon vor dem Präsenzteil unter den Teilnehmerinnen zum intensiven inhaltlichen Austausch und zur Vernetzung kam.
  • Drittens: Schließlich folgten die zwei Präsenztage, mit je zwei Sessions am Vormittag und Nachmittag à 3 Stunden (inkl. mehrerer kurzer Pausen). Wir fokussierten uns in diesen Sessions im Sinne des „Flipped Classrooms“ auf den Austausch zwischen den Teilnehmerinnen. Auf das gemeinsame Erarbeiten von Konzepten und Gedanken zu unterschiedlichsten Fragestellungen in Kleingruppen folgten kurze Präsentation und Diskussion in der großen Gruppe. Die Inhalte des Selbststudiums wurden dabei durch uns nicht explizit in den Sessions aufgegriffen, sondern erweitert durch den Input von drei weiteren geladenen Experten, die zu unseren Videocalls dazu stießen.
  • Viertens: Mit etwas Abstand (3 Wochen) folgte noch ein gemeinsamer Rückblick und ein gemeinsames Besprechen der Transferfrage. Ähnlich wie der Kickoff trafen wir uns für 90 Minuten nochmal in einem Videocall. In Anlehnung an die sehr nahe und persönliche Vernetzung, die im Laufe des Workshops stattgefunden hat, nannten wir dieses Treffen auf den Vorschlag der Teilnehmerinnen hin „virtuelles Lagerfeuer“ und legten es in den Abend. Das Level an Vernetzung war (auch in der Zwischenzeit) sogar höher, als wir es von unseren Offline-Seminaren schon kennen.

Vom Uni-Seminarraum in den virtuellen Space

Technologisch versuchten wir die Umsetzung so simpel wie möglich zu gestalten, was trotz allem noch nicht allzu intuitiv war. Aber wir sind guter Dinge, dass sich die entsprechenden Produkte jetzt rasant weiterentwickeln.

  • Lernplattform & Videocalls: Für unsere Zusammenkünfte nutzten wir MS Teams, weil es im Vergleich mit den anderen gängigen Plattformen über die Videocall-Funktion hinaus viele Features anbietet, die für unsere Idee der Seminardurchführung sehr hilfreich sind: einen geschlossenen Raum, einfach zu nutzende Breakout-Räumen und sogar parallel laufende Zweier-Calls, allerlei Chatfunktionen und einer übersichtlichen Dateien-Datenbank, die uns für das Selbststudium als Bibliothek diente. Schon nach kurzer Zeit fühlte sich unser Team-Space wie ein tatsächlich betretbarer Raum an. Hier trafen wir uns gemeinsam, lasen, chatteten und konnten per Video-Funktion ins gemeinsame „Wohnzimmer“ eintreten.
  • Whiteboard: Für die parallellaufende Sichtbarmachung des Gedankenaustauschs und der Erarbeitung der gemeinsamen Konzepte in den Kleingruppen nutzen wir Mural.co. Die Boards hatten wir im Vorfeld sehr ausführlich geplant und vorbereitet, um den Teilnehmerinnen mit einer möglichst durchdachten Visualisierung eine intuitive Zusammenarbeit zu ermöglichen. Achtung! Mural (ebenso wie die ganz ähnliche Plattform Miro) hat ein mitunter erstaunliches Eigenleben, dem man bei 26 gleichzeitigen Nutzern möglichst wenig Raum bieten will. Die Funktion des Abdeckens von nicht genutzten Arbeitsbereichen aber vor allem das Einfrieren von Designs ist Überlebenswichtig.

Die große Frage: wie interaktiv, wie vernetzt?

Aber jetzt mal Butter bei die Fische: wie vernetzt war das Ganze wirklich? Denn Nichts kann die wirklich reale zwischenmenschliche Begegnung ersetzen. Stimmt, aber unser Fazit: Man kann sich trotzdem sehr nah kommen – wenn es bewusst facilitiert wird! Wo der gemeinsame Gang zur Kaffeebar und das gemeinsame Mittagessen wegfällt, wo Begegnung und Austausch nicht zufällig, sondern nur auf Ansprache stattfindet, müssen konkrete Anlässe der Nähe geschaffen werden. Besonders da, wo MS Teams einem das Miteinander dadurch erschwert, dass derzeit maximal nur 9 Teilnehmer im Videocall zu sehen sind.

Unsere entscheidendsten Ideen:

  1. Ein Mural-Board, wo alle Teilnehmerinnen eine selbstgestaltete Visitenkarte mit Links zu ihrem Profil, Fotos und dergleichen hinterlassen konnten, lud zum Stöbern und Klicken ein. Wer hätte es gedacht, aber schneller und schöner geht „stalken“ und direktes vernetzen auf LinkedIn nicht.
  2. Aber auch die Zusammensetzung der Kleingruppen erfolgte nicht zufällig, sondern war dank eines ausgeklügelten Systems so aufgebaut, dass bei jeder zweiten Gruppenaufgabe völlig neue Gruppen entstanden und es im Laufe des kompletten Workshops hier keine Überschneidung gab und sich auf diese Weise maximal viele Teilnehmerinnen begegneten.
  3. Der Power-of-Connecting-Impuls von the-one-and-only Patrick Cowden (ihr findet ihn auf https://www.thebeyond.company/) wirkt Wunder: immer zwei Teilnehmerinnen (auch vorab von uns eingeteilt, damit es auch hier keine Überschneidungen gab) trafen sich für ca. 6 Minuten im Private-Chat per Videocall und tauschten sich nach einem festen Ablauf zu sehr vernetzenden Fragen aus und gaben sich wertschätzendes Feedback dazu. Im Laufe des Workshops gab es diesen Impuls vier Mal. 

Die schönsten Vorteile des Online-Workshops, die wir erlebt haben:

  1. Vielfalt: Gefühlt können online mehr Teilnehmer zugelassen werden und das fördert die Vielfalt.
  2. Niedrigschwelligkeit: Mit dem Angebot an virtuellen Seminaren können viele Teilnehmer erreicht werden, die aus den unterschiedlichsten Gründen bei einem mehrtägigen Seminar vor Ort nicht dabei sein könnten.
  3. Wirksamkeit: Die Lernerfahrung wird deutlich wirksamer, weil das Seminar über einen längeren Zeitraum gestreckt werden kann und weil das Selbststudium in einem rein selbstbestimmten Lernrhythmus stattfindet und vor dem Seminar den Teilnehmern weitere Recherchen oder Austausch mit Partnern oder Freunden daheim ermöglicht.
  4. Eigeninitiative: Wir haben mehr Eigenverantwortung und Eigeninitiative für die Lernerfahrung bei den Teilnehmern festgestellt, wahrscheinlich durch die „erzwungene“ eigene Bereitstellung der Hardware und damit verbunden dem Bewussteren Eintritt ins Lernumfeld.
  5. Menschen statt Wissen: Impulsgeber/Dozenten können von wirklich überall für einen kurzen Impuls zum Seminar dazu geholt werden, wo man sie sonst nur zitiert oder ihre Texte lesen lässt.
  6. Arbeitserleichterung: Die Nachbereitung, wie zum Beispiel die Erstellung des Workshop-Protokolls, ist deutlich weniger aufwendig, da das entstehende Mural-Board einfach mit einem Klick als PDF heruntergeladen und versendet werden kann.
  7. Der Mensch im Mittelpunkt: Die Sorge um einen zu hohen Technologie-Fokus, der vielleicht als Last wahrgenommen wird, und der daraus resultierende potentielle Frust bei den Teilnehmern hat bei uns dazu geführt, dass wir uns noch mal deutlich stärker als in vor-Ort-Workshops Gedanken um die Human-Centeredness gemacht haben. Wir waren selbst erstaunt, wie viel Luft da noch nach oben war.
  8. Experimentierfreude: wir haben uns mehr getraut, eine Vielfalt von Ideen und Ansätzen auszuprobieren, von denen wir uns nicht ganz sicher waren, ob sie funktionieren würden. In einem vor-Ort-Seminar gönne ich mir diese ausgeprägte Leichtigkeit des Ausprobierens nicht. (Ist vielleicht nur eine Übergangserscheinung, aber eine, die mich alte Seminar-Häsin sehr beflügelt hat!)

Was lief nicht so gut, was ändern wir?

Irgendwie lief alles viel besser als gedacht und das hat bei uns selbst zu viel Erleichterung und Freude geführt. Aber wir ändern ja trotzdem nach jedem Seminar IMMER irgendwas, lassen uns gerne inspirieren von unseren Teilnehmern. Wir sind uns sicher, dass die technologischen Plattformen noch besser werden – stabiler und intuitiver. Aber so richtige Show-Stopper sind uns nicht begegnet. Das nächste Online-Seminar ist schon in Planung!

Fazit

Jedes Leadership-Seminar und vor allem jeder Workshop lebt natürlich von der Offenheit und dem Engagement der Teilnehmer sich einzubringen. Online-Seminare aber um ein Vielfaches mehr. Ohne das technische Setup, die Hardware, eine stabile Internetverbindung und die Geduld und erhöhte, klare und bisweilen redundante Kommunikationsbereitschaft jedes einzelnen Teilnehmers hat man als Anbieter wenig Möglichkeit ein Seminar erfolgreich durchzuführen. Für das hier beschriebene Seminar war es uns gegönnt, auf eine sehr starke, sehr gut vorbereitete, sehr vernetzungsorientierte und engagierte Gruppe aus Expertinnen zu stoßen, die den gebotenen Raum innerhalb kürzester Zeit zum Leben erweckte. Wir sind uns sicher, dass das was Besonderes aber ganz sicher keine Ausnahme war. Online-Angebote in der Weiterbildung werden, wie oben beschrieben, die Eigeninitiative von Teilnehmern erhöhen, so dass es (zumindest in unserem Themenbereich) zunehmend zu einer bewussteren Gleichberechtigung und gemeinsamer Augenhöhe zwischen Seminarleitung und Seminarteilnehmern kommt. Eine Entwicklung, auf die wir uns echt freuen.

Über die Autorin

Lena Schiller ist Co-Director des House of Leadership, Politikwissenschaftlerin, Buchautorin, Coach und Ausdauersportlerin. Sie beschäftigt sich vor allem mit den Themen New Work, Female Leadership und Digitale Transformation.

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