Nachhaltige Seminare virtuell interaktiv ausrichten: Was geht, wieviel davon und wie?

Physical Distancing und Lockdown sei Dank durften viele von uns in den letzten zwei Jahren ausprobieren, wie weit unsere Bereitschaft geht, unser soziales Leben ins Worldwide Web zu verlegen. Viele von uns verbesserten unseren natürlichen Umgang mit den digitalen Möglichkeiten. Wir zapften dabei uns bisher unbekannte Quellen unendlicher Geduld an – mit uns, der Technik und unserem Gegenüber („könnt ihr mich JETZT hören?“). Was aus der Not begann wird nun zur Tugend. Die neu etablierten, gut erprobten Möglichkeiten des virtuellen Miteinanders haben vielerorts den Status „billige-Kopie-der-Realität“ hinter sich gelassen. Besonders in der Weiterbildung haben virtuelle Formate sich als kluge Fortentwicklung etabliert, die die Teilnehmer künftig nicht mehr vermissen möchten. Wieso?

Wie kriegen wir die Magie der Seminare ins Internet?

Als alteingessesene Anbieter von Executive Education im Bereich Leadership (in einem Vorleben waren wir an einer klassischen Business School beschäftigt), die stark auf zwischenmenschliche Interaktion und Persönlichkeitsaspekten beruht, kam bis zum ersten Lockdown Online-Weiterbildung absolut nicht in Frage. Bis es allerorts schließlich das einzige war, was überhaupt noch in Frage kam. Ratlos widmeten wir uns zu Beginn des ersten Lockdowns der Frage: wie können wir denn nun unsere Seminare – und viel mehr noch: die Magie unserer Seminare – ins Internet übertragen?

Schließlich drehten wir unsere Eingangsfrage um, weg von der „Magie“ hin zu: Was ist eigentlich bei der bisherigen (offline) Durchführung unserer Seminare nicht so zielführend gelaufen? Und wie würde man das im Netz anders abbilden können? – Erst fiel uns nicht viel ein, aber dann wurde die Liste immer länger:

  • angefangen bei der Tatsache, dass die typischen hochintensiven und vollgepackten drei-Tages-Seminare keinerlei Rücksicht auf individuelle Lernrhythmen der Teilnehmer nehmen können.
  • Die daraus (sicher oft unfreiwillig) resultierende Konsumhaltung der Teilnehmer in Seminaren.
  • Die Krux mit unterschiedlich komplizierten Anreisen der Teilnehmer und den damit verbundenen oft stressigen Abwesenheiten von zuhause.
  • Bis hin zur Bubble, die sich oft in Seminarsettings um die Teilnehmergemeinschaft bildet.
  • Und schließlich das größte Dilemma: die Überfrachtung der wenigen Seminarzeit durch viel zu viel Inhalt und das sich daraus ergebende Transferproblem des Erlernten in den Alltag.

Nachhaltig war das nicht und auch nicht Praxis- oder Umsetzungsorientiert. Wenn wir es genau betrachten, machten wir es den Teilnehmern schwer oder fast unmöglich, das vermittelte Wissen wirklich zu lernen. Kann man das online anders handhaben? 

Der Teilnehmer-orientierte Ablauf – dank Ortsunabhängigkeit

Mit dem veränderten Fokus und größtmöglicher Neugier machten wir uns schließlich an die Konzeption anstehender Führungskräfte-Seminare. Die meisten Seminar sollen aus ungefähr 20-25 aktiven Stunden (Netto-Seminarzeit) bestehen – was ungefähr drei-vier Tagen entspricht. Frei von räumlichen Gebundenheiten lassen sich diese wie folgt aufteilen.

  • Ein Drittel Selbststudium auf einer einfach zu nutzenden Lernplattform: Hier findet sich alles was „frontal“ vermittelt werden soll (Impulse, Ansätze, Theorie) oder was individuell reflektiert werden soll (Selbstreflektionen, Fallbeispiele, Übungen).
  • Zwei Drittel virtuelles interaktives Seminar im Workshop-Format, aufgeteilt in ca. acht wöchentliche Sessions á 2 Stunden. eigentlich wie in der Uni damals. Hier findet alles statt, was Austauschbasiert ist: Kleingruppenarbeit, Diskussion über Ergebnisse aus den Übungen oder Fragen an die Dozenten, die sich aus dem Selbststudium ergaben.
  • Flankiert von einem kurzen Kick-off und einem Wrap-up für das Organisatorische und Vernetzung.

Vom Seminarraum in den virtuellen Space

Technologisch ist heute ja vieles möglich. Da gebietet es sich, die Umsetzung so nutzerfreundlich, intuitiv und gleichzeitig so schlicht wie möglich zu gestalten.

Lernplattform & Sessions 

Als Plattform für das Selbststudium nutzen wir Thinkific.com. Für die Teilnehmer ist die Nutzung sehr leicht, die Inhalte und Reihenfolge werden sehr logisch abgebildet. So können sie sich auf die Inhalte konzentrieren. Als Lehrende hat man ja immer Features, die man sich noch wünscht; aber die Zeit der Online-Lernplattformen hat ja quasi erst begonnen.

Für die interaktiven Live-Sessions á zwei Stunden einmal pro Woche nutzen wir lieber Zoom als MS Teams. Das handling ist etwas leichter, aber auch hier passiert ja viel Weiterentwicklung. Die wichtigste Funktion ist der Breakout-Raum für Kleingruppenarbeit bzw. Zweiergespräche.

Whiteboard

Für die parallellaufende Sichtbarmachung des Gedankenaustauschs und der Erarbeitung der gemeinsamen Konzepte in den Kleingruppen nutzen wir Mural.co. Die Boards hatten wir im Vorfeld sehr ausführlich geplant und vorbereitet, um den Teilnehmerinnen mit einer möglichst durchdachten Visualisierung eine intuitive Zusammenarbeit zu ermöglichen. Die Funktion des Abdeckens von nicht genutzten Arbeitsbereichen aber vor allem das Einfrieren von Designs ist Überlebenswichtig.

Die große Frage: wie interaktiv, wie vernetzt?

Aber jetzt mal Butter bei die Fische: wie vernetzt ist das Ganze am Ende wirklich? Denn Nichts kann die wirklich reale zwischenmenschliche Begegnung ersetzen. Stimmt, aber unser Fazit: Man kann sich trotzdem sehr nah kommen – wenn es bewusst facilitiert wird! Wo der gemeinsame Gang zur Kaffeebar und das gemeinsame Mittagessen wegfällt, wo Begegnung und Austausch nicht zufällig, sondern nur auf Ansprache stattfindet, müssen konkrete Anlässe der Nähe geschaffen werden.

Eckpunkte für virtuelle Seminare

  1. Ein Mural-Board, wo alle Teilnehmerinnen eine selbstgestaltete Visitenkarte mit Links zu ihrem Profil, Fotos und dergleichen hinterlassen konnten, lud zum Stöbern und Klicken ein.
  2. Aber auch die Zusammensetzung der Kleingruppen erfolgte nicht zufällig, sondern war dank eines Systems so aufgebaut, dass bei jeder zweiten Gruppenaufgabe völlig neue Gruppen entstanden und es im Laufe des kompletten Workshops hier keine Überschneidung gab und sich auf diese Weise maximal viele Teilnehmerinnen begegneten.
  3. Der Power-of-Connecting-Impuls von the-one-and-only Patrick Cowden (ihr findet ihn auf https://www.thebeyond.company/) wirkt Wunder: immer zwei Teilnehmerinnen (auch vorab von uns eingeteilt, damit es auch hier keine Überschneidungen gab) trafen sich für ca. 6 Minuten im Private-Chat per Videocall und tauschten sich nach einem festen Ablauf zu sehr vernetzenden Fragen aus und gaben sich wertschätzendes Feedback dazu. Im Laufe des Workshops gab es diesen Impuls vier Mal. 

Die überzeugendsten Vorteile der virtuellen Seminare

  1. Vielfalt: Gefühlt können online mehr Teilnehmer zugelassen werden und das fördert die Vielfalt.
  2. Niedrigschwelligkeit: Mit dem Angebot an virtuellen Seminaren können viele Teilnehmer erreicht werden, die aus den unterschiedlichsten Gründen bei einem mehrtägigen Seminar vor Ort nicht dabei sein könnten.
  3. Wirksamkeit: Die Lernerfahrung wird deutlich wirksamer, weil das Seminar über einen längeren Zeitraum gestreckt werden kann und weil das Selbststudium in einem rein selbstbestimmten Lernrhythmus stattfindet und vor dem Seminar den Teilnehmern weitere Recherchen oder Austausch mit Partnern oder Freunden daheim ermöglicht.
  4. Eigeninitiative: Wir haben mehr Eigenverantwortung und Eigeninitiative für die Lernerfahrung bei den Teilnehmern festgestellt, wahrscheinlich durch die „erzwungene“ eigene Bereitstellung der Hardware und damit verbunden dem Bewussteren Eintritt ins Lernumfeld.
  5. Menschen statt Wissen: Impulsgeber/Dozenten können von wirklich überall für einen kurzen Impuls zum Seminar dazu geholt werden, wo man sie sonst nur zitiert oder ihre Texte lesen lässt.
  6. Arbeitserleichterung: Die Nachbereitung, wie zum Beispiel die Erstellung des Workshop-Protokolls, ist deutlich weniger aufwendig, da das entstehende Mural-Board einfach mit einem Klick als PDF heruntergeladen und versendet werden kann.
  7. Der Mensch im Mittelpunkt: Die Sorge um einen zu hohen Technologie-Fokus, der vielleicht als Last wahrgenommen wird, und der daraus resultierende potentielle Frust bei den Teilnehmern hat bei uns dazu geführt, dass wir uns noch mal deutlich stärker als in vor-Ort-Workshops Gedanken um die Human-Centeredness gemacht haben. Wir waren selbst erstaunt, wie viel Luft da noch nach oben war.
  8. Experimentierfreude: wir haben uns mehr getraut, eine Vielfalt von Ideen und Ansätzen auszuprobieren, von denen wir uns nicht ganz sicher waren, ob sie funktionieren würden. In einem vor-Ort-Seminar gönne ich mir diese ausgeprägte Leichtigkeit des Ausprobierens nicht.

Fazit: virtuelle Lernreisen sind effektiver als Block-Seminare

Jedes Leadership-Seminar und vor allem jeder Workshop lebt natürlich von der Offenheit und dem Engagement der Teilnehmer sich einzubringen. Online-Seminare aber um ein Vielfaches mehr. Ohne das technische Setup, die Hardware, eine stabile Internetverbindung und die Geduld und erhöhte, klare und bisweilen redundante Kommunikationsbereitschaft jedes einzelnen Teilnehmers hat man als Anbieter wenig Möglichkeit ein Seminar erfolgreich durchzuführen. Online-Angebote in der Weiterbildung werden, wie oben beschrieben, die Eigeninitiative von Teilnehmern erhöhen, so dass es zunehmend zu einer bewussteren Gleichberechtigung und gemeinsamer Augenhöhe zwischen Seminarleitung und Seminarteilnehmern kommt. Eine Entwicklung, auf die wir uns echt freuen.

Über die Autorin

Lena Schiller ist Co-Director des House of Leadership, Politikwissenschaftlerin, Buchautorin, Coach und Ausdauersportlerin. Sie beschäftigt sich vor allem mit den Themen New Work, Female Leadership und Digitale Transformation.

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