Emotionen und Führung

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Emotionen und Führung

Emotionale Führung macht sich das Wissen um emotionale Wirkmechanismen zu eigen. Hierfür bedarf es einem hohen Maß an emotionaler Kompetenz, was wiederum voraussetzt, dass man sich auf eine (leider nie endende) Reise zu den eigenen Emotionen und dem Konstrukt des Emotionalen Erlebens gemacht hat. Das heisst, wenn wir über Führung und Emotionen sprechen, hilft es zunächst einen Blick auf die Idee “Emotion“ als Ganzes zu werfen: Was ist eigentlich eine Emotion? Und was ist dann mit emotionalem Erleben gemeint? Und was hat es mit dem Phänomen emotionale Kompetenz auf sich? Und gibt es sowas wie emotionale Führung? Einleitend ist folgendes Zitat so aufschlussreich wie erheiternd: „Jeder weiß, was eine Emotion ist, bis er um eine Definition gebeten wird.“ (Fehr/Russel 1984) Diese Aussage trifft es auf den Punkt: ein jeder hat zwar im wahrsten Sinne des Wortes ein Gefühl dafür, was eine Emotion ist bzw. sein könnte, kann dieses Gefühl dann aber kaum adäquat in Worte fassen. Eine Emotion ist also offenbar ein komplexes Gebilde, das sich nicht eindeutig-linear beschreiben lässt. Wie aber soll man sich diesem Konstrukt dann in der praktischen Anwendung, sprich im Arbeits- und Führungskontext, nähern, wenn man es in seinem Kern schon kaum greifen kann? Dieser Artikel bietet die Möglichkeit einer Annäherung.

Was ist eine Emotion?
Emotionen sind komplexe Muster von Veränderungen, die innerhalb des menschlichen Körpers ablaufen und die eine Art Reaktion des Individuums repräsentieren und eine Form der Interaktion mit der Umwelt eines jeden Individuums beschreiben. Emotionen liefern wichtige Informationen, was für einen Menschen relevant ist in seiner Existenz, was gerade um ihn herum passiert, was es mit ihm macht und was damit zu tun bzw. wie damit umzugehen ist. Ein kleiner Vergleich: Wenn es regnet, dann ziehe ich im Idealfall einen Regenmantel an. Wenn mir warm wird, ziehe ich ggf. den Pullover oder die Jacke aus. Wenn die Sonne mich blendet, setze ich eine Sonnenbrille auf. Stellen wir uns vor, wir könnten Nässe, Wärme oder das Blenden der Sonne nicht wahrnehmen? Es würde uns in eine insgesamt unangenehme Situation bringen, weil wir uns vielleicht vollkommen durchnässt erkälten würden, uns dies aber nicht erklären könnten. Wir würden vielleicht vollkommen dehydriert kollabieren, weil wir bei 35 Grad immer noch in einer Daunenjacke rumlaufen würden oder unsere Augen würden Schaden nehmen, weil die Kraft der Sonne ihnen nicht gut tun würde.

Mit Emotionen bzw. mit ihrem Umgang ist es sehr ähnlich. Emotionen sind eine Form der internen Kommunikation – eine Art innere „Antwort“ auf das, was im Außen (oder auch im Innen) gerade passiert. Und Emotionen erfordern immer auch eine Art Anpassungsreaktion von uns, was uns oft jedoch nicht klar ist. Wir sind wütend oder traurig, stolz oder euphorisch, wir sind verletzt oder voll Scham. All‘ das sind Reaktionen auf das, was uns „begegnet“ – durch Menschen, durch Ereignisse, durch Objekte, durch Orte, aber auch durch Erinnerungen, Imaginationen oder was auch immer.

Eine Emotion ist also ein mehrdimensionales Konstrukt. Sie besteht aus fünf Komponenten, die miteinander einhergehen und sich verschiedenartig verändern:
1. Kognition – Was denke ich?
2. Physiologie – Was regt sich?
3. Motivation – Was möchte ich?
4. Ausdruck – Was zeige ich?
5. Gefühl – Was spüre ich?
Erst das Zusammenspiel dieser fünf Komponenten bzw. deren „Auslenkung“ beschreibt eine Emotion. Die oft auf das „Was spüre ich?“ reduzierte Beschreibung einer Emotion ist lediglich die Gefühlskomponente und wird dem Konstrukt kaum gerecht. Auch wird mit „Emotionen“ häufig verbunden, dass ein Mensch weint oder „seinen Gefühlen freien Lauf lässt“, was mitnichten automatisch etwas mit einer Emotion zu tun hat. Auch aus einer Stimmung heraus, die eben keine Form der inneren Reaktion ist, kann ein Mensch weinen. Emotionen sind weit mehr als gezeigte Gefühle. Sie sind elementare Variablen der menschlichen Existenz, die das individuelle Sein und das soziale Miteinander in seiner Art und Ausgestaltung grundlegend beeinflussen.

Was ist Emotionales Erleben?
Emotionen erzeugen Emotionales Erleben und dieses Erleben beschreibt das Durchleben der sequenziellen bzw. synchronen Auslenkung der fünf so genannten Subsysteme einer Emotion und die Widerherstellung einer Balance. Eine Emotion hat also ein Anfang und ein Ende. Niemand ist (aus emotionaler Sicht betrachtet) dauerhaft traurig oder interessiert, wütend oder angeekelt. Emotionen laufen in bestimmten Phasen ab und werden durch unterschiedliche Trigger ausgelöst. Die Emotionen Wut ist z.B. beschreibbar durch bestimmte Gedanken (Komponente 1), durch einen erhöhten Puls (Komponente 2), durch die Tendenz zu einer bestimmten Handlung (Komponente 3), durch einen spezifischen Gesichtsausdruck (Komponente 4 und eben auch durch ein bestimmtes Gefühl (Komponente 5).
Dabei sind Emotionen immer als eine Art Reaktion zu verstehen, wobei zu unterscheiden ist, ob das Individuum ohne Mitwirkung eine Emotion erlebt (wie z.B. bei einer Stellenstreichung) oder durch die eigene Mitwirkung (Teilnahme an einem Gewinnspiel) oder ob die bzw. eine emotionserzeugende Situation sogar bewusst herbeiführt wurde (Besuch einer Comedy Show).

Die Anzahl von Emotionen und emotionsähnlichen Phänomen ist groß. Im Zeitablauf hat man 10 so genannte Basisemotionen identifizieren können, die sich klar voneinander abgrenzen lassen. Diese sind:
▪ Interesse/Erregung
▪ Freude
▪ Überraschung
▪ Kummer/Schmerz
▪ Zorn/Wut
▪ Ekel
▪ Geringschätzung/Verachtung
▪ Furcht/Entsetzen/Angst
▪ Scham
Sie alle sind in ihrer Struktur einzigartig und klar abgrenzbar, was auf alle anderen Emotionen nicht zutrifft. Alle Basisemotion sind im Hinblick auf die fünf beschriebenen Komponenten eindeutig identifizierbar und das sogar kulturübergreifend. So ist der Gesichtsausdruck für Ekel, Freude oder Interesse etwa über alle Völker hinweg identisch – auch wenn es sich dabei um indigene Stämme handelt, die keinen Kontakt zur Außenwelt haben.

Wann treten Emotionen auf?
Und wodurch entstehen sie bzw. wie werden sie erzeugt? Emotionen als eine Reaktion auf die eigene Umwelt treten in erster Linie im sozialen Kontext auf, weswegen sie auch und gerade in der Arbeitswelt und im Rahmen von Führung von elementarer Bedeutung sind: es kommt zu einem verbalen Angriff, einem Lob, einer Zurückweisung, einem Konflikt. Alle diese Situationen generieren Emotionales Erleben. Letztlich können wir Emotionen aber auch selbst ganz leicht herbeiführen, z.B. motivational, indem wir einen Geruch oder Geschmack erzeugen. Kennst Du noch den Augenblick, wenn Du als Kind Dein Leibgericht gegessen hast oder ausnahmsweise zu McDonald’s durftest? Erinnern Du den „Geruch von Weihnachten“, von ausgegangenen Kerzen, Lebkuchen und Keksen? Manch einer wird allein beim bloßen Betreten einer Zahnarztpraxis eine enorme emotionale Reaktion erleben, weil der merkwürdige Geruch von Anästhetikum immer auch Schmerz und Leid bedeutet hat. Ein anderer wird bei einem Bummel durch die Stadt für einen Moment total durcheinander geworfen, wenn er oder sie plötzlich auf einer Rolltreppe den Parfümgeruch einer längst verflossenen Liebe erhascht. Wir können uns aber auch auf kognitiver Ebene ein Emotionales Erleben herbeiführen, indem wir uns einen lustigen Film anschauen oder einen bewegenden Brief lesen, ein melancholisches Lied hören oder einen mitreißenden Artikel lesen. Und auch ganz subtil lässt sich Emotionales Erleben erzeugen, indem man eine bestimmte Körperhaltung einnimmt oder eine bestimmte Bewegung ausführt (Facial Feedback Hypothese). Menschen, die mit einem Bleistift im Mund zwei Punkte auf einem Blatt Papier miteinander verbinden sollten und dabei den Stift zwischen den Zähnen hielten – und damit quasi ein Lächeln simulierten – stuften einen Cartoon im Nachgang z.B. deutlich witziger ein als jene, die den Stift zwischen den Lippen hielten – und mit diesen eine „O“ formten. Gleiches gilt für Kopfhaltungen, Schulterstellung und ähnliches, wie zum Beispiel “Power Posing”.

Was macht Emotionales Erleben so einzigartig?
Interessant ist die individuelle Fühlbarkeitsschwelle, die in einem jeden von uns festgelegt und gleichzeitig veränderbar ist. Sie hängt mit der so genannten individuellen Realitätskonstruktion zusammen, die wiederrum im Rahmen der Sozialisation „eingespurt“ wurde. „Ein Indianer kennt keinen…“ a) USB Stick, b) Differentialquotienten oder c) Herzschrittmacher? Fast alle von uns ergänzen natürlich das Wort „Schmerz“ – der berüchtigte Satz, der gerade kleine Jungen davon abhalten sollte zu weinen. Was jedoch passierte: die Emotion und insbesondere die Gefühlskomponente sollte unterdrückt werden. Manchmal führte das sogar zum zweifelhaften Erfolg, weil wir „lernten“, wann wir uns wie zu verhalten und zu fühlen hatten und wann wir eben nicht weinen durften. Dass die anderen Komponenten der Emotion natürlich trotzdem abliefen und dabei häufig einfach ignoriert wurden, wurde dabei oft außer Acht gelassen. Ein jeder von uns ist durch angeleitetes bzw. gebahntes emotionales Erleben in seiner Identität geformt worden. Wir haben eine eigene Realität konstruiert, in der bestimmte Dinge eine Bedeutung haben und andere nicht bzw. haben durften oder nicht haben durften, in der bestimmte Dinge eine emotionale Reaktion erzeugen durften und andere (vermeintlich) eben nicht. Die Fühlbarkeitsschwelle von Emorionen ist verschiebbar, wenn man sich selbst die Erlaubnis gibt, mit ihr zu arbeiten. So wie man nach einem längeren Verzicht von Zucker oder Geschmacksverstärkern ein anderes Gespür für natürliche Zutaten entwickelt, so entsteht auch ein anderes Bewusstsein für Emotionales Erleben, wenn man sich diesem Thema öffnet.

Ein jeder kennt das, dass man eine emotionale Reaktion erst dann erlebt, wenn ein anderer einen darauf aufmerksam macht. Plötzlich spürt man Wut, Verletzung und Enttäuschung, wenn einem bewusst wird, was „wirklich“ passiert ist. „Du bist da aber schon ganz schön vorgeführt worden gerade, oder? Hast Du das gar nicht bemerkt?“ Diese nachgelagerte Form der Bewusstseinsbildung (Post-hoc-Realisation) hat ihre Ursache oft in Formen von Trance-ähnlichen Zuständen, einer übermäßigen Assoziation mit dem Kontext, die erst durch das Verlassen der Erlebensebene und das Einnehmen der Beobachterebene, aufgelöst werden können. Das Erleben und Erfühlen kann sich aber auch grundsätzlich entkoppeln, was sich dann darin zeigt, dass Erfühltem manchmal scheinbar kein konkretes Erleben zugeordnet werden kann. Konkret durchlebt man eine Emotion und kann sich das nicht erklären. Dabei ist der Ansatz simpel wie wenig hilfreich gleichermaßen: ähnliche Muster werden vom Körper mit ähnlichen Reaktionen „beantwortet“ (Mustererkennungsfähigkeit). Es braucht also manchmal nur eine einigermaßen ähnliche und gleichzeitig vielleicht sogar deutlich abgeschwächte Situation, die uns wütend, traurig oder enttäuscht werden lässt. Das bereits erfahrene Emotionale Erleben wird erneut „down-geloaded“, obwohl diese Reaktion eigentlich nicht angemessen, weil übertrieben wäre. Quasi eine Art Emotionaler Fehlalarm.

Welche Funktion hat Emotionales Erleben?
Wird man bezüglich der funktionalen Betrachtung von Emotionen und Emotionalem Erleben etwas exakter, dann kann man sagen, dass die zentrale Aufgabe von Emotionen eine Form der Organisation ist. Emotionen fokussieren die Aufmerksamkeit von Individuen, sie liefern Hinweise im Hinblick auf den gegenwärtigen bzw. zukünftigen Zustand eines Individuums in Bezug auf dessen Umwelt, sie bereiten Teile des Organismus auf individuelle Reaktionen vor und ermöglichen im Rahmen sozialer Interaktion das gelingende Miteinander. Emotionen stellen also eine adäquate Antwort unseres Systems auf die erlebte Realität bereit. Sie motivieren uns etwas Bestimmtes zu tun. Wenn wir wütend oder verletzt sind, dann wollen wir zum Beispiel streiten, uns verteidigen oder etwas klar stellen. Die Emotion bildet somit eine motivationale Grundlage für ein konkretes Verhalten. Gleichzeitig legt die Emotion aber auch die Struktur und Ausgestaltung unseres angestrebten Verhaltens fest. Die Emotion, ihre Intensität und auch die Fähigkeit, mit ihr umzugehen determinieren, wie wir uns in der gewählten Verhaltensvariante bewegen können. Wir wollen vielleicht zeigen, welche Fähigkeiten in uns stecken. Wir wollen uns und das, was wir können, präsentieren und nehmen an einem Gedichtwettbewerb teil. Konnten wir das Gedicht aber zuhause noch fehlerfrei aufsagen, führt plötzlich die Tatsache, dass das Aufsagen vor 300 Leuten auf einer Bühne stehend stattfindet, dazu, dass ich aufgeregt bin. Ich habe vielleicht Zweifel an meiner Fähigkeit. Ich befürchte mich zu blamieren. Plötzlich komme ich ins Stocken. Meine kognitive Fähigkeit wird schlechter in Abhängigkeit davon, wie sehr ich die aufkommende Emotion kanalisieren kann. Hier deutet sich etwas wie Emotionale Kompetenz an. Die Emotion bildet also auch eine entsprechende Handlungsgrundlage – in diesem Fall eine vielleicht eher limitierende. Währen eine positive Emotion (z.B. Euphorie beim besagten Aufsagen des Gedichts auf der Bühne) eher ressourcenaktivierend wirkt, so führen negative Emotionen (Zweifel, Unsicherheit, Unbehagen) eher zu einem ressourcenlimitierenden Ergebnis.
Im Rahmen der individuellen Realitätskonstruktion haben wir auf kurze Sicht leider kaum Einfluss darauf, wie und in welchem Umfang wir zu welchem Anlass eine Emotion durchleben. „Jetzt stell‘ Dich aber bitte nicht so an. So schlimm ist das doch nicht!“ ist daher auch eine nett gemeinte, aber eine gleichzeitig wenig zieldienliche Anmerkung.

Sinn und Bedeutung eines Erlebnisses bestimmt immer jeder Erlebende entlang seiner Realitätskonstruktion selbst, was in Gruppen- und Teamkontexten zu einer großen Herausforderung (für eine Führungskraft) werden kann. Denn wiederholtes Emotionales Erleben spurt neben affektivem Verhalten mittel- und langfristig auch Haltungen und Überzeugungen ein und prägt damit den Organisationsalltag unter Umständen ganz erheblich. Nehmen wir den Fall, dass mir beispielsweise alljährlich eine Beförderung in Aussicht gestellt und dass diese alljährlich aus immer wieder neuen Gründen zurückgezogen wird. Beim ersten Mal stellt sich vielleicht noch das bloße Gefühl von Traurigkeit, Wut oder Enttäuschung ein. Bei ausreichender „Wiederholung“ dann wird aus dem Affekt eine Haltung („Wird eh wieder nix!“) oder gar eine Überzeugung („Leistung lohnt sich in diesem Laden nicht.“). Das hat dann fatale Folgen – sowohl für das Individuum selbst durch die Verkleinerung des wahrgenommen Wachstumsraumes als auch für sein Umfeld – dank Synchronisationseffekt: Emotionen können sich in sozialen Kontexten nämlich „übertragen“. Man spricht von so genannter Emotionaler Ansteckung. Die Menschen eines Systems müssen dazu nicht einmal in Kontakt miteinander sein. Ihre Emotionale Frequenz gleicht sich an – egal ob wir es mit Krankenschwestern, Entwicklungs- ingenieuren oder Wählern zu tun haben. Ähnliche Realitätskonstruktionen, die bei einigermaßen homogenen Gruppen zu einem gewissen Grad gegeben sind, führen zu ähnlichem Emotionalen Erleben, sogar wenn die Menschen gar nicht miteinander sprechen, wie zum Beispiel Krankenschwestern im Schichtdienst. Ereignisse in Form von Veränderungen in der Systemumwelt werden dann in ähnlicher Weise emotional erlebt und interpretiert. Hierzu braucht es nur indirekte Kontaktpunkte, so dass in einem Team plötzlich „die Stimmung kippt“, in einem Projekt plötzlich der große Durchbruch möglich scheint oder in einer Mannschaft plötzlich eine Vision als verschüttete Überzeugung re-animiert wird.

Welche Rolle spielt Emotionales Erleben in einer Organisation?
Emotionales Erleben in einer Organisation lässt sich an folgendem Schaubild gut verdeutlichen:

In einer Organisation erzeugen sowohl die Ereignisse am Arbeitsplatz, wie Meetings, Kundengespräche, Workshops usw., umfänglich Emotionales Erleben ebenso wie die Ausgestaltung der Umgebung (Großraum, Einzelbüro, Diskretion usw.). Ob und in welcher Weise Menschen dann Emotionen erleben, hängt neben deren Intensität insbesondere davon ab, welche Emotionale Kompetenz sie besitzen. Denn diese Kompetenz determiniert direkt wie indirekt das aus dem Emotionalen Erleben hervorgehende affektive Verhalten, die entstehenden Haltungen und auch die sich ergebenden Überzeugungen.

Was versteht man unter Emotionaler Kompetenz?
Emotionale Kompetenz beschreibt die Fähigkeit, die eigenen Emotionen (vollumfänglich) zu erfassen und entlang der Auslenkung der fünf Subsysteme zu kanalisieren. Es bedeutet, dass man Wirkmechanismen und Kausalbeziehungen kennt, sich Führbarkeitsschwellen bewusst ist und um die eigene Realitätskonstruktion weiß. Ein emotional kompetentes Individuum kann Emotionales Erleben sehr genau deuten und zwischen einzelnen Emotionen differenzieren. „Don’t mix love with happiness!“ möchte man Menschen zurufen, die aus einer Euphorie heraus ihre Liebe zu einer Person bekunden, jedoch einfach nur froh, dankbar oder glücklich sind, weil sie im Job (durch eine Beförderung etwa) Anerkennung erfahren haben. Emotionale Kompetenz ist letztlich die Fähigkeit, das Zusammenspiel von Stimulus, Organismus und Reaktion (langfristig) aktiv zu gestalten. (Larsen/Diener/Lucas (2002)

Emotionale Kompetenz ist somit ein fortwährender Prozess, der im Rahmen der Ich-Werdung integraler Bestandteil des eigenen Lebens ist. Ein jeder Mensch definiert für sich im Rahmen der Sozialisation den Umgang mit Abhängigkeit, Unwirksamkeit, Anerkennung, Ablehnung, Verlust und Zuwendung. Er nutzt das Emotionale Erleben aus diesem Umgang heraus, um Sichtweisen, Haltungen und Überzeugungen anzulegen, die ein leichteres Navigieren im Leben ermöglichen. Emotionale Kompetenz bedeutet dann, dass die unbewusst vollzogenen Bahnungen hinterfragt und ggf. neu gelegt werden. Neue Bahnen erzeugen dann neues Emotionales Erleben und damit eine neue (temporäre) Realitätskonstruktion.

Was bedeutet Emotionale Führung?
Emotionale Führung beschreibt die Integration der gewonnen Erkenntnisse im Kontext von „Führen und geführt werden vor dem Hintergrund ökonomischer und betriebswirtschaftlicher Zwänge und Notwendigkeiten. Emotionale Führung umfasst kurz gesagt das Wissen und die sozial wünschenswerte Nutzbarmachung von Kausalzusammenhängen und Wirkmechanismen, Realitätskonstruktionen und Fühlbarkeitsschwellen, Synchronisationseffekten und Bewusstseinsbeschleunigern.
Paradoxer Weise führen viele Führungskräfte in der Annahme, es handelt sich bei Emotionaler Führung um eine Form schablonisierter oder schematisierter Erkenntnisse aus den Konstrukten „Emotionen“ und „Emotionales Erleben“. Oder anders ausgedrückt: sie gehen davon aus, emotional führen zu können, ohne sich mit dem Konstrukt bei sich selbst je beschäftigt zu haben. Für eine kurze Phase mag das auch funktionieren, weil innerhalb dynamischer Systeme immer auch stabile Phasen sozialer Interaktion ablaufen, in denen sehr einfache Interventionen das gelingende Miteinander ermöglichen. Irgendwann aber sind Anpassungen in der Struktur, im Denken, im Handeln oder hinsichtlich anderer Parameter erforderlich und spätestens dann spielt das Emotionale Erleben der Individuen eine entscheidende Rolle. Denn wir erinnern uns: Emotionen bilden u.a. ihre Motivations- und Handlungsgrundlage. Letztlich erfordert Emotionale Führung also zunächst ein hohes Maß an Emotionaler Kompetenz bei der Führungskraft selbst, quasi eine Form der Emotionalen Selbstklärung. Nur so ist sichergestellt, dass sie dauerhaft aus ihrer Mitte heraus agieren und dabei souverän bleiben kann.
In ihrer Rolle als Führungskraft stößt sie dann im Teamkontext auf ein mehr oder weniger hohes Maß an Heterogenität, was Realitätskonstruktionen, Fühlbarkeitsschwellen, Auslösemechanismen und Deutungsmuster angeht. Es geht dann weniger darum, dieser Heterogenität gerecht zu werden, sondern diese vielmehr im Führungsverhalten zu berücksichtigen. Resonanzen können nämlich nur dann entstehen, wenn das Gespür für so genannte Teammikrostrukturen vorhanden ist, ansonsten endet der Versuch von Resonanz in der Reaktanz.

Emotionale Führung hat somit wenig mit Schönfärberei oder Laissez-faire zu tun. Eine Führungskraft, die betont, dass Mitarbeiter bei ihr auch weinen dürfen, führt ebenso wenig emotional wie jene, die keine klaren (emotionalen) Strukturen vorgibt. Wie ein Pianist sein Instrument und ein Rennfahrer seinen Wagen kennt, so kennt eine Führungskraft sich selbst und seine innere Struktur. Sie hat ein Bewusstsein für ihr Team, ist sich übergreifender Wertesysteme und Bedürfnisstrukturen, Haltungen, Sichtweisen und Glaubensgrundsätze bewusst und wirkt mit diesem Wissen positiv auf das Team als Ganzes und den Mitarbeiter als Individuum ein. Emotionale Führung nutzt das vorhandene Wissen, damit Realitätskonstruktionen neu gebahnt und Fühlbarkeitsschwellen re-kalibriert werden können.
Die Möglichkeit wird zugelassen, dass es aus der eigenen pro-sozialen Haltung heraus zu übergreifenden Synchronisationseffekten bei den geführten Mitarbeitern kommt.


Zusätzliche Literatur

Urban, Fabian York (2008) Emotionen und Führung – Theoretische Grundlagen, empirische Befunde und praktische Konsequenzen, Gabler Edition Wissenschaft

Larsen, R./Diener, E./Lucas, R. (2002): Emotion. Models, Measures, and Individual Differ- ences. In: Lord, R./Klimoski, R./Kanfer, R. (Hrsg.): Emotions in the Workplace. San Francisco, S. 64-106.

Fehr, B. /Russell, J. (1984): Concept of Emotion Viewed from a Prototype Perspective. In: Journal of Experimental Psychology: General 113 (3), S. 464-486.

Scherer, K. (1990): Theorien und aktuelle Probleme der Emotionspsychologie. In: Scherer, K. (Hrsg.): Psychologie der Emotion. Enzyklopädie der Psychologie. Themenbereich C, Serie IV, Band 3. Göttingen u.a. S. 1-38.

Ashkanasy, N./Daus, C. (2002): Emotion in the Workplace: The New Challenge for Managers. In: Academy of Management Executive 16 (1), S. 76-86.

Über den Autor

Dr. Fabian Urban ist promovierter Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftler, systemischer Berater und aktiver Ironman-Triathlet. Er promovierte an der Universität Freiburg am Lehrstuhl für Personal- und Organisationsökonomie zum Thema „Emotionen und Führung“.

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